20.05.2015 / Artikel / Gesundheit & Soziales / ,

Babettes Brief aus Bern

Ich habe eine Affinität zu Spitälern – schon als Meitli fand ich einfach alles spannend, was sich auf einer Station abspielt. Darum war es für mich gar nicht schlimm, als ich in der dritten Klasse die gesamten Sommerferienwochen im Spital verbringen musste. Erstens besuchte mich das Mami oft, und zweitens war der Papi Oberarzt auf der Kinderabteilung, und ich sah ihn jeden Tag. „Babettli, weisst Du, was es am Sonntag gibt?“ fragte die Oberschwester. Das erwartungsfrohe Kind: „Eine Spritze? Ein Röntgenbild?“ – “Aber nein – Güggeli zum Zmittag!“ Ich durfte den Krankenschwestern sogar helfen – durfte mir aus Papier ein Häubchen basteln, das ich stolz trug, wenn ich Tabletts in die Zimmer balancierte oder Bettpfannen leerte. Da war Beni mit dem Loch im Kopf. Gabi mit den verbrannten Beinen. Karin mit der schweren Diabetes. Und da war das Ruthli. Es war das Älteste von uns allen – schon sechzehn! Aber Ruthli war klein und dürr. Es lag des ganzen Tag im Gitterbett. Seine verdrehten Gelenke streckte es manchmal unter seltsamen Artikulationen und gequälten Lauten gegen die Zimmerdecke. Ruthli konnte nicht sprechen, nicht lachen, nicht essen, nicht laufen, nicht sitzen, nicht denken. Manchmal kam Ruthlis Mutter zu Besuch, sass einige Zeit am Bett, hielt durch die Gitterstäbe das verkrüppelte Händchen ihrer Tochter und murmelte nur: „Ruthli, Ruthli…“ Der Vater? Schon lange entschwunden, er ertrug diese schwierige familiäre Situation nicht. Wer würde Ruthlis Mutter ins Gesicht sagen, dass es kein Anrecht auf gesunde Kinder gibt?

Heute würde Ruthlis Mutter eine Pränataldiagnostik in Anspruch nehmen und hätte bei diesem schlimmen Befund der schwersten Mehrfachbehinderung des Fötus die Schwangerschaft vermutlich unterbrochen. Unsere Gesetzgebung gestattet dies, und das ist gut so. Und nun befinden wir über eine Verfassungsänderung, welche die Präimplantationsdiagnostik PID (siehe Text von Madeleine Amgwerd) erlauben soll. Denn die PID ist eine logische Konsequenz. Es kann doch nicht sein, dass man einem zwölf Wochen alten Fötus weniger Rechte zugesteht als einem Embryonenhäufchen, das nur durch ein Elektronenmikroskop sichtbar ist. Es sei halt eine ethische Frage, höre ich oft. Ja, das ist es. Aber ich möchte folgendes zu bedenken geben: in der Renaissance haben mutige und neugierige und unbeirrbare Männer begonnen, heimlich Leichen zu sezieren, um dem Geheimnis Mensch und dessen Körper auf den Grund zu gehen. Sie setzten sich damit dem Ruf der Teufelei aus und riskierten schreckliche Strafen – durch ihr Handeln legten sie aber den Grundstein zur modernen Medizin. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er wissen will, dass er sich weiterentwickeln will, dass der forschen will. Wir können die Entwicklung nicht aufhalten, aber wir können die Richtung bestimmen. Dies mit einer guten Verfassung und pragmatischen Gesetzen.

Es ist in den Augen der PID-Gegner ethisch vertretbar, einem Paar, das durch eine PID die Möglichkeit auf ein gesundes Kind hätte, das Recht auf diese Anwendung zu verweigern. Wer sind wir, dass wir uns dies in Berufung auf die Ethik anmassen? Halten wir uns für moralisch den Staaten rund um die Schweiz, welche die PID schon lange gestatten, allen Ernstes überlegen, wenn wir der PID einen Riegel vorschieben? Ich gebe allen Skeptikern recht: was in China zur Zeit passiert, das direkte Eingreifen in das Erbgut des Menschen, finde ich auch höchst bedenklich – aber dies ist eine ganz andere Dimension. Mit der PID können wir viel Leid verhindern. Darum geht es nämlich in erster Linie. Und nicht darum, was man für sich selber in Anspruch nehmen würde. Denken wir an die (sehr wenigen) Betroffenen, gibt es doch nur eine Antwort auf die PID-Frage: ein klares Ja.

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