08.03.2015 / Artikel / Bildung & Arbeit /

Kinder schützen, „Schutzinitiative“ ablehnen

Die Volksinitiative „Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primaschule“ verlangt, dass Schulen Sexualkundeunterricht nur Kindern anbieten dürfen, die das neunte Altersjahr vollendet haben. Zwischen dem neunten und dem zwölften Altersjahr soll dieser Unterricht freiwillig sein.

Der Geist dieser Initiative ist geleitet durch Befürchtungen und Ängste: Angst, dass ein Kind unnötig früh mit sexuellen Themen konfrontiert wird, für die es noch nicht reif ist.

Angst, dass eine Lehrperson nicht religiöser Lebenshaltung die Erziehung des Kindes negativ beeinflusst.
Angst, dass die Eltern die Kontrolle über die sexuelle Erziehung ihres Kindes verlieren und

Angst, dass ein allzu liberales pluralistisches Lebensmodell zur Norm in unserer Gesellschaft wird.
„Wehret den Anfängen“, sagen uns die Initiantinnen und Initianten dieser Vorlage.

Ein Kind kommt heute früher als bisher mit Sexualität in Kontakt: Zumindest auf visueller Ebene: Ein „Internet ohne Grenzen“ ermöglicht jedem Erwachsenen, aber auch jedem Kind, mit einem Maus-Klick Zugriff zu harter Pornografie zu erhalten. Das, meine Damen und Herren, bereitet auch mir Sorge.
Aber gerade deshalb lehne ich diese Initiative ab. Gerade deshalb ist es wichtig, dass alle Kinder, auch diejenigen, die in schwierigen Familienverhältnissen aufwachsen, Zugang zu umfassenden Informationen erhalten: Sie müssen wissen, dass es rund um die Sexualität biologische, psychische, emotionale, soziale aber auch Faktoren des Machtgefälles gibt. Wie viele Jugendliche haben mir schon berichtet, dass sie in gewissen Situationen überfordert gewesen seien, dass sie nicht gelernt hätten, im richtigen Moment nein zu sagen. Nein zu sagen, muss gelernt werden. Dieses Nein braucht es manchmal auch in der eigenen Familie, der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis.

Ich gehe mit den Initianten einige, dass Aufklärung Sache der Eltern ist. In der gelebten Realität hingegen ist es oftmals so, dass nicht wenige Eltern Mühe haben, dieses Thema sachlich mit ihren Kindern zu besprechen. Was früher ein Tabu-Thema war, ist es in manchen Familien nach wie vor. Auch gibt es viele Eltern, die nur schlecht damit umgehen können, dass ihre jugendlichen Kinder einen eigenen Weg der Sexualität suchen und finden müssen. Und nicht zuletzt gibt es viele Eltern, denen der direkte emotionale Kontakt zu ihren Kindern fehlt.

Aus all diesen Gründen ist es wichtig, dass Eltern in der Erziehungsaufgabe von der Schule unterstützt und ergänzt werden. Denn nur so, können alle Kinder und Jugendliche in der Schweiz weiterhin auf ein wertvolles Netz an Informationen zählen, die sie dringend benötigen.
Wenn ich dieser Initiative etwas Positives abgewinnen kann, dann der Hinweis, dass Schulen sehr sorgfältig mit dem Sexualunterricht umgehen sollen. Dieser Hinweis kann nicht genug betont werden.
Unser bisheriges System hat sich bewährt, was auch unsere weltweit tiefe Abtreibungsrate gerade auch von jungen Frauen zeigt.

Die Initiative ist deshalb klar abzulehnen.